Geschlechtliche Vielfalt

Geschlecht ist das, was du daraus machst. Denn auch wenn man von außen häufig nur als Frau oder als Mann gesehen wird – wie du dich mit deinem Geschlecht identifizierst, was du bist und wie du dich in Sachen Geschlecht empfindest, ist ganz allein dein Ding und keineswegs von anderen bestimmt.

Mann schaut mit selbstbewusstem und optimistischem Gesichtsausdruck.

Geschlechtsidentität – Was meint das genau?

Menschen unterscheiden sich in vielerlei Dingen: In dem, was uns wichtig ist, in dem, was wir mögen, und auch in dem, was wir fühlen. Und das betrifft nicht nur unsere eigenen Vorstellungen und Werte, sondern auch das Geschlecht, genauer gesagt: die Geschlechtsidentität.

Unter Geschlechtsidentität versteht man die gefühlte Zugehörigkeit zu einem oder auch mehreren Geschlechtern. So bekommt man zwar bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen – meistens Mann oder Frau – doch ob und wie du dich damit identifizierst, kann ganz unterschiedlich sein: Es gibt Menschen, die das von außen zugewiesene Geschlecht passend finden und die sich damit ausreichend beschrieben fühlen. Sie sind cis-ident oder auch cis*. Ist das nicht der Fall, dann ist man transident oder trans*. Und manchmal ist auch das von außen zugeschriebene Geschlecht nicht eindeutig. In diesem Fall spricht man von Intergeschlechtlichkeit oder inter*.

Junges, heterosexuelles Paar unterhält sich und lacht dabei.

Das Sternchen (*) verdeutlicht, dass es eine große Vielfalt an persönlichen Verständnissen in der Zuordnung zu einem oder auch mehreren Geschlechtern gibt. Selbst wenn du cis* bist, von außen als Frau oder als Mann gesehen wirst und dich auch selbst so fühlst, gibt es immer noch sehr vielfältige Vorstellungen darüber, was denn nun für dich und für andere Frau-Sein oder Mann-Sein bedeuten. Und natürlich gilt das auch für inter*- oder trans*Menschen.

Nur Mann oder Frau? Oder doch mehr?

Geschlecht umfasst ganz Vieles: Körperliche Merkmale und vermeintlich vorbestimmte soziale Eigenschaften ebenso wie das eigene Erleben und das äußere Erscheinungsbild. Und dabei hängen diese Dinge nicht unbedingt immer zusammen. Selbst in der Biologie und auch in der Medizin kennt man ganz viele Geschlechter: Das Anatomische, das Hormonelle, das Genetische, das Chromosomale und einige mehr. Und auch hier bedingt keines automatisch das andere – wenn man anatomisch eine Frau ist, bedeutet das nicht immer, dass man auch zwei X-Chromosomen hat. Bei dieser Vielzahl von Eigenschaften, durch die ein Geschlecht beschrieben werden kann, kann man also wohl kaum sagen, dass es nur zwei Geschlechter, nur Mann oder Frau gibt.

In unserer Gesellschaft ist die Einteilung in zwei Geschlechter noch weitgehend üblich. Und sie kann durchaus helfen, um bei all der Vielfalt an Geschlechtern nicht überfordert zu sein. Doch wenn man meint, dass es nur Mann oder Frau gibt, übersieht man ganz schnell das Wesentliche: Zu welchem Geschlecht oder zu welchen Geschlechtern man sich zugehörig fühlt, was man unter Frau-Sein, unter Mann-Sein, unter trans*-Sein, unter inter*-Sein – also unter Geschlecht-Sein – versteht, das ist immer ganz individuell.

Geschlecht ist bunt

So vielfältig Geschlecht sein kann, so vielfältig sind auch die Begriffe, mit denen man seine Geschlechtsidentität beschreibt. Hier eine kleine Auswahl:

  • cis*: Damit sind Menschen gemeint, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen.
  • inter*: So nennen sich Menschen, deren körperliche Merkmale weder ausschließlich weiblich noch ausschließlich männlich sind, sondern entweder beides gleichzeitig oder nichts von beiden.
  • (gender)queer: Damit bringt man zum Ausdruck, dass man die gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit, also die Beschränkung der Geschlechter auf Mann oder Frau, ablehnt. Auch in Sachen sexueller Orientierung steht dieser Begriff für ein Verständnis von Vielfalt.
  • Neutrois: Neutrois-Menschen empfinden sich als neutral, wenn es um das Geschlecht geht.
  • non-binary: Das ist der Überbegriff für alle, die die Beschränkung der Geschlechter auf Mann oder Frau ablehnen – Geschlecht ist vielmehr als das.
  • androgyn: Damit beschreibt man ein Äußeres, bei dem gängige Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit nicht zu erkennen und eine Zuordnung nicht möglich sind.
  • trans*: trans*Menschen leben in einem anderen Geschlecht, als dem, das ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde.
  • genderfluid: Wenn die Geschlechtsidentität zwischen verschiedenen Geschlechtern wechselt – sich mal mehr dem einen, mal mehr dem anderen zugehörig fühlt, nennt man das genderfluid.
Heterosexuelles Paar stemmt die Hände in die Hüften und lächelt einander selbstbewusst an.

Typisch Frau, typisch Mann?

In Sachen Geschlecht geht es oft gar nicht so sehr um biologische Faktoren – viel wichtiger sind gesellschaftliche und soziale Vorstellungen. Kleidung, Frisuren, Toiletten, Umkleiden, Filme, Sprache und vieles mehr – all das sind Dinge, die nach Geschlecht, nach Frau oder Mann, unterteilt werden. Und auch viele Erwartungen sind mit dieser Einteilung verbunden, etwa wenn es um die Berufswahl oder um das Familienleben geht.

Zwar sind die Zeiten, in den Frauen nicht wählen und Männer nicht weinen durften, zum Glück vorbei – gesellschaftlich gibt es jedoch durchaus noch Vorstellungen darüber, was typisch für ein bestimmtes Geschlecht ist. Solche Vorstellungen können schwierig sein, gerade wenn man sie nicht erfüllt und vielleicht auch gar nicht erfüllen möchte. Deshalb: Mach dich frei von Erwartungen, die deinen eigenen Vorstellungen nicht entsprechen. Nur weil du ein Mädchen bist, musst du dich nicht beim Flirten zurückhalten oder auf deinen großen Schwarm warten. Und auch als Junge musst du keinesfalls immer die Initiative ergreifen. Wie du dich in solchen Dingen verhältst – das entscheidest du ganz alleine!

Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität

Geschlecht ist vielfältig. Und die sexuelle Orientierung auch. Trotzdem handelt es sich dabei um unterschiedliche Dinge. Während sich die sexuelle Orientierung auf das Geschlecht der Personen bezieht, zu denen sich ein Mensch hingezogen fühlt, so geht es bei der Geschlechtsidentität um die Frage, ob sich ein Mensch selbst mit dem ihm zugewiesenen Geschlecht identifiziert, ob es ihn passend und ausreichend beschreibt. Trans*- und inter*Menschen können deshalb genauso homo-, bi- oder heterosexuell sein, wie cis*Menschen. Die Geschlechtsidentität sagt nichts über die sexuelle Orientierung aus.

Geschlecht lebt man

Als welches Geschlecht man wahrgenommen wird, hängt meist sehr stark mit dem äußeren Erscheinungsbild zusammen. Auch hier gibt es gesellschaftliche Vorstellungen, etwa darüber, welche Kleidung und welche Frisuren Frauen oder Männer zu tragen haben. Wie stark solche Vorstellungen über das äußere Erscheinungsbild sein können, wird oft unterschätzt. Denn sicherlich ist vieles davon auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Gerade wenn man von außen aber anders wahrgenommen wird, als man sich fühlt, können solche Vorstellungen zum Problem werden. Vielen trans*-Menschen etwa fällt es im Prozess der Identitätsfindung zunächst schwer, in dem Geschlecht zu leben, das sie für richtig und passend empfinden. Und auch wenn man sich keinem Geschlecht zuordnen möchte oder vielleicht auch gar keinem Geschlecht zugeordnet werden kann, halten sich Vorstellungen anderer darüber, wie man auszusehen hat, hartnäckig.

Übertragung und Schutz

Zu seiner Geschlechtsidentität zu stehen und sich auch nach außen als das Geschlecht oder als die Geschlechter zu geben, die man im Inneren fühlt, kostet oft Mut. Vielleicht stößt man sogar auf Unverständnis, wenn man zum Beispiel seine Kleidung oder seine Frisur ändert, um sie dem gefühlten Geschlecht anzugleichen. Ein solcher Schritt ist jedoch oft sehr befreiend. Und mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, um das Erscheinungsbild, das Auftreten und auch den Körper anzupassen – von Namensänderungen bis hin zu geschlechtsangleichenden Operationen.

Junger Mann lächelt verschmitzt und hält ein verpacktes Kondom in Richtung des Betrachters.

Beim Schutz sind alle Geschlechter gefragt

Im Liebesleben vieler Menschen spielen Geschlechter eine Rolle. Man fühlt sich zum Beispiel zu bestimmten Geschlechtern hingezogen oder verhält sich gegenüber anderen Geschlechtern auf eine bestimmte Weise. Und auch wenn es intimer wird, hat das Geschlecht oft eine Bedeutung – und zwar nicht nur, wenn es um die körperliche »Ausstattung« geht.

Bei all dem sollte man jedoch nicht vergessen, dass es in Sachen Sexualität kein Richtig oder Falsch gibt. Wie man flirtet, wie man sich näherkommt und auch wie man miteinander Sex genießt, ist nicht durch das Geschlecht bestimmt. Es kommt nur darauf an, was du und dein Gegenüber möchten. Mach dir also keine Sorgen darüber, ob du dich deinem Geschlecht entsprechend verhältst und was vielleicht von dir erwartet wird.

Ganz gleich, zu welchem Geschlecht du dich zählst – beim Sex ist der Schutz vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wichtig. Und dazu sollte man am besten vorher miteinander sprechen. So lernt man sich besser kennen und schafft Vertrauen. Und sicherlich kann man Sex auch mehr genießen, wenn man sich dabei keine Sorgen über eine mögliche Infektion machen muss.


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